Азъ Градъ  ( Az'' Grad'')

In dem Dorf Азъ Градъ ( Az'' Grad'') vermögen es die Bewohner wie wohl an kaum einem anderen Ort der Erde, das Schöne mit dem Nützlichen des Landlebens zu verbinden. Zur Gestaltung dieser Lebensweise wurde der Permakultur-Pionier Herr Sepp Holzer als Berater hinzugezogen.

Aber erst einmal von vorne. Die Worte des Dorfnamens sind dem Altkirchenslavischn entnommen. Азъ (≙ Az) ist der erste Buchstabe des alten Alphabets und bedeutet "Gott, Leben und Wirken auf der Erde; der Beginn; das Ursprüngliche oder Urweltliche; die Quelle, der Ursprung; die Einheit; die Einheitlichkeit; das Eine, der Mensch."  Градъ (≙ Grad) ist heute Город (≙ Gorod, = Stadt) und geht auf Гадъ (≙ Gad) > Градство (≙ Gradstvo) > Город (= Stadt), zurück. Die Philosophie des Dorfes ist es, dass jeder Mensch der große Buchstabe Азъ (≙ Az) werden soll. Das bedeutet ganz konkret, dass man in einer Sache ein Meister wird, z.B. als Schmied, um darin Schüler zu unterrichten. Es geht darum Schüler so zu unterrichten, dass sie sich selbst weiterschulen können und besser als der Meister werden. Den großen Buchstaben Азъ zu leben bedeutet des weiteren, einen positiven Umgang mit den Mitmenschen zu pflegen.

Das Dorf befindet sich etwa 45km von Omsk entfernt, also noch jenseits des Urals und damit mitten in Sibirien. Der Besitzer Andrej Alekseevic Nikitenko hat 2012 diese 800ha große Fläche gekauft und zusammen mit 600 Menschen aus ganz Russland Азъ Градъ gegründet. Aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen und Erwartungen verließen fast alle das Dorf. Über die letzten 4 Jahre hat sich eine neue Gemeinschaft gebildet, die mit diesem Lebensbild harmonieren. Aktuell leben 3 Familien in dem Dorf, zusätzlich unterschiedlicher Besucher die wenige Tage oder mehrere Monate mitarbeiten. Auch sind weitere Häuser von dauerhaften Bewohnern bereits in Planung.

Das Dorf lebt nach folgenden 5 Grundsätzen:

1. Keinerlei " - ismen"

Wenn du z.B. kein Fleisch isst bedeutet das nicht, dass die anderen auch kein Fleisch essen sollen.

2. Von wem eine Idee stammt, der muss sie umsetzen.

Wers gesagt hat, der muss es machen.

3. Deine Angelegenheiten sollen die anderen nicht stören.

Nicht nur deine Arbeit, auch deine Gesten und Worte.

4. Wenn ein Streit entsteht, beende ihn gleich wieder.

Versöhne dich direkt nach dem Streit.

5. Erzähle niemandem von dem Streit.

Zentral sind des weiteren 2 Dinge: Jeder Bewohner muss ein Ziel finden, das er erfüllen möchte. So hat z.B. ein Bewohner das Töpfern erlernt und kann nun Töpferware verkaufen und Töpferkurse geben. Dabei ist es wichtig, dass er für sein Vorhaben niemand anderes an dessen Zielerfüllung hemmt oder stört. Der andere Punkt ist, dass man Unzufriedenheiten ausspricht. Nur so können sie geklärt und Konfliktherde vermieden werden. Der zwischenmenschliche Umgang miteinander und darunter auch die Bedeutung von Mann und Frau haben einen hohen Stellenwert. Es wird im Übrigen begrüßt, wenn Frauen der Hausarbeit nachgehen und die Männer in den Werkstätten arbeiten.

In dem Dorf gibt es eine Schmiede, Ofenbau und eine Töpferei. Zu allen Bereichen gibt es bei Interesse Seminare. Auch kann man sein Kind in ein Sommerlager schicken oder sich selbst im Hostel für 500 Rubel / Nacht und Person (≙ 7€) einmieten. 

 

Der Grund unserer Reise an diesen Ort war natürlich die Landwirtschaft. Schon häufig haben wir von Permakultur gehört aber weder einen Permakulturhof gesehen, noch so richtig verstanden, was genau das für eine Wirtschaftsweise ist, bzw. worin sich die Landwirtschaft der Permakultur von den anderen Landwirtschaftsformen unterscheidet. Im Internet, auf der Seite von Sepp Holzer, fanden wir also dieses Projekt, das er selbst bis heute schon 6 mal aufgesucht hat. Nach Andrej Alekseevic, der sich wiederum auf Sepp Holzer beruft, ist Permakultur keine Form der Landwirtschaft, sondern eine Lebensweise. Es geht darum den Ort, an dem man lebt, als ein harmonisches, stabiles Ökosystem zu bewahren, ggf. zu fördern und davon zu leben. Dabei sollen alle lebendigen Organismen (Pflanzen, Tiere, Menschen) ihren Raum haben. Daraus folgt, dass das Feld nicht wie in der Landwirtschaft bestellt wird. Es geht nicht darum auf dem Feld etwas für den Verkauf anzubauen um von dem Erlös zu leben. Es geht darum nur so viel anzubauen, dass man selbst davon leben kann. Etwa 30% der Ernte soll zudem auf dem Feld zurück bleiben, damit Tiere sich davon ernähren können. Desweiteren berät Sepp Holzer, min. 15% der Fläche zu Seen oder Flüssen zu gestalten. Dies ermöglicht ein aktives und gesundes Ökosystem. So z.B. heißt es, dass es dadurch nur dann regnet, wenn die Erde es braucht. Die Erde fühlt es, wenn es regnen soll. In den Gärten muss im Sommer trotz dem regelmäßig gegossen werden. Bei den Gärten handelt es sich um einen unnatürlichen Eingriff in die Natur. Auf welche Wirtschaftsweise Obst, Beeren, Gemüse, Hackfrüchte oder auch Getreide angebaut wird, spielt dabei keine Rolle. Wichtig ist, dass es ökologisch ist, also keine Chemikalien, Pestizide, Fungizide und Herbizide, sowie keine GMO's. Daher sind die landwirtschaftlichen Elemente in der Permakultur nicht neu, nicht "speziell Permakultur". Dazu gehören bspw. ressourcenschonende Arbeitsweisen gerade in Bezug auf Wasser. Dies ist Thema der Permakultur, aber auch, und das schon lange, aller anderen konventionellen und ökologischen Wirtschaftsweisen. Ebenso gibt es die Aufforderung innerhalb eines gesunden "Ökokosmos-Organismus" zu wirtschaften seit 1924 durch Rudolf Steiner. Dieser erklärte in seinem Landwirtschaftlichen Kurs, dass jeder Bauernhof Acker und Grünland, Hecken, Wald und Marsche oder feuchtes Land haben sollte (vgl. Beitrag "Japan").

In der Permakultur geht es also im Wesentlichen um eine Lebensform in der Natur, die eine Alternative zu anderen Lebensformen darstellt. Nur am Rande geht es um Landwirtschaft. Es geht darum in Harmonie mit der Natur, seinen Mitmenschen und sich selbst zu leben. D.h. nicht Sklave seiner Arbeit zu sein, nicht Sklave von Geld zu sein, sondern etwas zu tun was einen erfüllt und dabei die Natur zu achten und in dem Sinne zu gestalten, dass sie in ihrem Reichtum fortbestehen kann, während wir uns von ihr ernähren. Natur bedeutet nicht nur Nahrung für alle Lebewesen, sondern auch innerer Kraftquell und Lebensqualität.


Кontakt und aktuelle Informationen:

http://www.azgrad.ru

http://www.seppholzer.at

http://www.seppholzer.at/cms/index.php?id=74



Reisetipps

 

Von Frühjahr bis Herbst gibt es in Азъ Градъ aufgrund der Wälder und vielen Gewässer enorm viele Mücken und ganz kleine Fliegen. Und diese sind nicht nur beim Sonnenuntergang aktiv, sondern den ganzen Tag. Lange Kleidung und ein Hut oder eine Kapuze mit Netz sind da die einzigen Dinge, die ein Stück weit helfen.

 

Für ein Landwirtschaftspraktikum ist dieser Ort nicht geeignet. Der geringe Anbau zur Selbstversorgung im Hausgarten, wie bspw. Tomaten und Salat, stellt keinen Lernort für Landwirte dar.

 

Азъ Градъ ist sehr für Interessierte geeignet, die etwas handwerkliches Lernen möchten. Auf der Homepage www.azgrad.ru können Kurse zum Ofenbau, Schmieden, Töpfern etc. in Erfahrung gebracht werden.

 

Wer nach Азъ Градъ kommt sollte schon mindestens Grundkenntnisse der russischen Sprache beherrschen, da kein Englisch und keine andere Fremdsprache gesprochen wird. Wer allerdings schon etwas Russisch kann, hat hier einen wunderbaren Ort um seine Sprachkenntnisse zu vertiefen. Die Bewohner hören immer mit viel Freude und Geduld zu und integrieren jeden auf ihre unverkennliche russische, warmherzige Weise.